Draußen das Abenteuer – als die Welt noch unser Spielplatz war
Wir hatten einen ganzen Planeten für uns – und der begann ungefähr drei Meter hinter der Haustür.
In unseren Rucksäcken befand sich alles, was eine ordentliche Expedition brauchte: Taschenlampe, Feldflasche, Taschenmesser und manchmal ein paar Dinge, deren Nutzen wir selbst nicht genau kannten, die aber garantiert irgendwann lebenswichtig sein würden.
Dann ging’s los.
Wir hatten Zeit bis zum Sonnenuntergang. Oder bis zu der Uhrzeit, zu der wir wieder zu Hause sein mussten. Eine Armbanduhr brauchte man dafür eigentlich nicht. Irgendwann würde schon jemand aus dem Fenster brüllen.
Und bis dahin?
Freie Fahrt für die Fantasie.
Natürlich haben wir nicht den ganzen Tag vor der Glotze gehockt und auf den nächsten Durchgang von He-Man, Knight Rider oder A-Team gewartet. Irgendwann war schließlich Schluss mit Fernsehen. Schule oder Kindergarten waren vorbei, die Hausaufgaben irgendwie erledigt, Mittagessen verdrückt – und dann kam der wichtigste Moment des Tages:
Schuhe an. Rucksack schnappen. Tür auf. Abenteuer starten.
Das Schott unserer Heimatbasis öffnete sich und wir waren draußen, und draußen war nicht einfach nur draußen.
Draußen war unsere Welt.
Wir hatten einen ganzen Planeten für uns – und der begann ungefähr drei Meter hinter der Haustür.
In unseren Rucksäcken befand sich alles, was eine ordentliche Expedition brauchte: Taschenlampe, Feldflasche, Taschenmesser und manchmal ein paar Dinge, deren Nutzen wir selbst nicht genau kannten, die aber garantiert irgendwann lebenswichtig sein würden.
Dann ging’s los.
Wir hatten Zeit bis zum Sonnenuntergang. Oder bis zu der Uhrzeit, zu der wir wieder zu Hause sein mussten. Eine Armbanduhr brauchte man dafür eigentlich nicht. Irgendwann würde schon jemand aus dem Fenster brüllen.
Und bis dahin?
Freie Fahrt für die Fantasie.
Es gab kein Handy, das uns alle fünf Minuten aus unserem Abenteuer riss. Kein WhatsApp. Keine Gruppenchats. Keine Statusmeldungen. Kein Google, das uns erklärte, was man heute mit zehn Jahren so alles unternehmen könnte. Unsere Ideen entstanden einfach in unseren Köpfen.
Und glaubt mir:
Die waren manchmal völlig bekloppt. Aber verdammt gut.
Wenn man sich nicht schon in der Schule verabredet hatte, lief oder fuhr man einfach zum Kumpel.
Klingeln.
„Haste Zeit?“
„Nee.“
„Okay.“
Drei Häuser weiter.
Nächster Versuch.
So einfach war das.
Keine Terminabstimmung. Keine Kalender-App. Kein „Ich muss erst mal in die Gruppe schreiben“. Wir waren einfach draußen und fanden uns. Unsere Treffpunkte waren der Sportplatz, irgendeine Wiese, ein Waldstück oder unsere selbstgebauten Hütten und Forts.

Und natürlich hatten wir unsere ganz persönlichen Lost Places.
Stillgelegte Baustellen. Alte Gebäude. Abwasserkanäle. Verlassene Ecken, die für Erwachsene wahrscheinlich aussahen wie:
„Auf gar keinen Fall betreten!“
Für uns stand da eher:
„Betreten auf eigene Gefahr – klingt interessant.“
Eine Taschenlampe reichte und schon wurde aus einem dunklen Loch ein unterirdischer Stützpunkt, aus einer Baustelle eine geheime Militärbasis und aus einem Stück Wald unbekanntes Territorium hinter feindlichen Linien.
Unsere Waffen bestanden aus Ästen, unsere Fahrzeuge waren Fahrräder und unser Navigationssystem hieß:
„Ich glaube, da lang.“
Klar, dass dabei auch mal die Knie aufgeschlagen wurden.
Kratzer? Gehört dazu.
Dreckige Hose? Egal.
Blutendes Knie? Pflaster drauf.
Weiter geht’s.
Rambo hätte seine Mission schließlich auch nicht abgebrochen, nur weil er sich das Knie aufgeschlagen hatte. Indiana Jones hätte den Schatz ebenfalls nicht liegen gelassen, weil ihn irgendein Insekt gestochen hätte. Und wenn die Goonies auf Schatzsuche gehen konnten, dann konnten wir das schon lange.
Wir hatten schließlich unseren eigenen Wald mit unserem eigenen Versteck.
Und natürlich musste dieser Wald ein Geheimnis haben.
Irgendwo zwischen den Bäumen lauerte bestimmt etwas Dunkles. Ein Schatz, ein Bösewicht oder wenigstens irgendein Typ, der seit 1974 nicht mehr herausgefunden hatte.
Wir waren die Goonies, die Jungs aus Stand by Me und, wenn es richtig ernst wurde, der Club der Verlierer.



Nur eines war Gesetz:
Keiner blieb zurück.
Stöcke wurden zu Schwertern, Äste zu Scharfschützengewehren und ein besonders gerader Stock konnte sogar eine verdammt überzeugende Maschinenpistole sein.
Natürlich musste man dabei auch entsprechend aussehen.
Tiefe Stimme, ernster Blick:
„Los, wir gehen.“
„Und wenn die kommen?“
„Dann knallen wir sie ab.“
„Mit was?“
Der Stock wurde angelegt.
Mission fortgesetzt.
Verpflegung brauchten wir natürlich auch. Ein paar Äpfel aus dem Nachbarsgarten – selbstverständlich nur aus strategischen Gründen – und unsere Feldflasche. Damit war die Versorgungslage gesichert.
Unsere Eltern ließen uns erstaunlich viel Freiheit.
Sie vertrauten uns. Und wir?
Nun ja …
Wir haben dieses Vertrauen gelegentlich bis an die Belastungsgrenze getestet.
Manchmal kam man nach Hause und hoffte, dass niemand fragte:
„Wo warst du eigentlich?“
Blöderweise hatten Kinder damals noch keine ausgefeilte Social-Media-Strategie, also wurde man irgendwann erwischt.
Dann gab’s einen ordentlichen Anschiss und manchmal auch einen „Arschvoll“.
Heute würde wahrscheinlich ein Psychologe irgendwo hektisch mit dem Kugelschreiber wackeln.
Wir haben danach einfach wieder draußen gespielt und nein, wir sind daran nicht kaputtgegangen.
Im Gegenteil.
Auch Probleme mit anderen Kindern wurden nicht lange diskutiert. Wenn zwei Gangs aufeinandertrafen, wurde daraus schnell eine epische Schlacht.

Unser Wald gegen deren Wald.
Unser Fort gegen deren Fort.
Stöcke gegen Stöcke.
Am Ende gab es Sieger, Verlierer, neue Grenzen – und manchmal überraschenderweise eine neue Allianz.
Manchmal wurde aus dem Erzfeind von gestern der Kumpel von heute.
Diplomatie. 80er-Jahre-Style.
Und dann gab es natürlich noch unseren ganz persönlichen Endgegner:
die Roggenmuhme.
Für uns war sie keine alte Sage und für uns war sie real.
Eine hagere, alte Frau mit wirren, wehenden Haaren, einer Hakennase und stechenden Augen. Lange, dünne Arme wie Spinnenbeine. Und irgendwo draußen in der Mittagshitze, wenn sich das Korn im Wind bewegte, sollte sie auf Kinder lauern.
Sie lockte sie ins Kornfeld.
Wer einmal zwischen den hohen Halmen verschwunden war, kam angeblich nicht wieder heraus. Bei der Ernte würden die Schnitter irgendwann nur noch ein paar Knochen finden.
Klingt heute ziemlich düster.

Damals?
Völlig logisch.
Wir wussten sogar ganz genau, wo sie wohnte:
In dem Feld zwischen unserem Wald und der Siedlung.
Keiner von uns wäre freiwillig dort hindurchgegangen. Schon gar nicht als Abkürzung.
Wir hatten schließlich einmal einen Jungen aus dem Nachbardorf gesehen, der dort hineingegangen war. Danach sahen wir ihn nie wieder. Jahre später erfuhr ich, dass er einfach weggezogen war. Aber diese Information kam leider viel zu spät.
Für uns war die Sache längst geklärt:
Die Roggenmuhme hatte ihn.
Dieses Feld blieb noch lange unsere natürliche Grenze. Unsere persönliche Sperrzone.
Irgendwann wurden wir älter. Die Interessen änderten sich, die Gang zerstreute sich und das Leben nahm seinen Lauf.
Aber manchmal passiert heute noch etwas Merkwürdiges.
Ich bin mit meiner Verlobten und unserem Hund draußen unterwegs, sehe einen umgestürzten Baum und denke:
„Da könnte man locker drüberklettern.“
Ich sehe einen Bach:
„Den könnte man da vorne überqueren.“
Ich sehe einen großen Baum:
„Verdammt, hier hätte unser Baumhaus hingepasst.“
Und irgendwo tief im Kopf läuft plötzlich wieder dieser alte Film.
Keine Smartphones.
Kein Internet.
Keine Termine.
Nur Wald.
Abenteuer.
Und die Jungs.
Für einen kurzen Moment bist du wieder zehn.
Der Rucksack sitzt auf dem Rücken, die Knie sind dreckig und irgendwo vorne wartet garantiert das nächste Abenteuer.
Nur etwas fehlt.
Die Gang.
André. Tobi. Mark.
Vielleicht ist genau das der schönste Teil dieser Erinnerungen:
Dass wir damals gar nicht wussten, wie besonders diese Zeit einmal werden würde.
Wir dachten nicht darüber nach.
Wir haben sie einfach gelebt.
Die Welt war unser Spielplatz.
Der Wald unser Königreich.
Der Sportplatz unser Hauptquartier.
Und jeder verdammte Stock konnte eine Waffe, ein Schwert oder ein Maschinengewehr sein.
Wir brauchten keine App, die uns sagte, was wir unternehmen könnten.
Wir hatten Fantasie.
Und die war stärker als jeder Algorithmus.
Also, Jungs …
Wenn ihr das irgendwann lest:
Die Taschenlampe funktioniert vielleicht nicht mehr. Die Knie würden heute wahrscheinlich etwas länger brauchen, um sich von einer Expedition zu erholen und beim Klettern würden wir vermutlich nach fünf Minuten über unsere Bandscheiben diskutieren.
Aber irgendwo da draußen wartet noch immer unser Wald.
Und für einen Moment sind wir wieder zehn.
Bis die Sonne untergeht.
